{"id":721,"date":"2015-08-24T15:10:40","date_gmt":"2015-08-24T13:10:40","guid":{"rendered":"https:\/\/fremdlesen.de\/?p=721"},"modified":"2015-08-24T15:14:43","modified_gmt":"2015-08-24T13:14:43","slug":"mein-leben-als-satiriker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fremdlesen.de\/?p=721","title":{"rendered":"Mein Leben als Satiriker"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone\" src=\"https:\/\/fremdlesen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/OliverPetersPoetrySatire.jpg\" alt=\"Poetry Slamer - ein Job mit Zukunft\" width=\"495\" height=\"214\" \/><\/p>\n<p>Lachen sollen sie. Nicht &#252;ber mich, sondern &#252;ber meine Texte. Drum trug ich etliche Texte auf Poetry Slams vor. Meist ging es um Frauen und meine Jugend. Meine Erlebnisse zu der Zeit waren so l&#228;cherlich, dass Lachkr&#228;mpfe garantiert waren. Anfangs lachte die Meute an den falschen Stellen, doch als ich ein paar derbe W&#246;rter einbaute, lief es wie geschmiert. Ein Beispiel?<br \/>\n\u201eWir TRIEBEN es im Auto wie Karnickel. Dann kam sie mit ihrem ARSCH auf die Hupe. Sie erschrak, sprang auf und schlug mich mit ihren HUPEN ko.\u201c<br \/>\nMindestens acht Sekunden Gekicher. Ich war geboren f&#252;r die B&#252;hne.<\/p>\n<p>Und wie sie immer klatschten! Sie klatschten beim Betreten der B&#252;hne, bei jeder Grimasse und nach jeder Pointe. Ein Text f&#252;r einen Slam darf maximal f&#252;nf Minuten dauern. Das bedeutet, dass mir das Geklatsche mindestens 30 Sekunden kostet. Ich reagierte mit ernsteren Texten &#252;ber den Geruch meiner Oma und verlor mehrfach hintereinander. Diese Schande konnte ich nur mit einer R&#252;ckkehr zum Humor verarbeiten. Ein Text &#252;ber ein sexuelles Erlebnis mit einem Mangokern brachte mich zur&#252;ck an die Spitze. Besonders laut klatschte das Publikum, als ich meine Mutter mit ins Spiel brachte. Verr&#252;ckte Zeiten.<\/p>\n<p>Der Rest ist Geschichte. Das Fernsehen entdeckte mich, genauer eine Assistentin vom Lokalfernsehen schw&#228;rmte f&#252;r mich, und ich durfte mein K&#246;nnen bei einem Format f&#252;r Neulinge unter Beweis stellen: Junge Comedians aus dem Revier. Sp&#228;testens ab dem Zeitpunkt konnte ich mich nicht mehr vom Stempel befreien, dass ich anscheinend ein Humorist bin. Einer, der Witze und Gags einfach so aus dem &#196;rmel sch&#252;ttelt. Es dauerte nicht lange, bis man mir eine Gitarre umschnallte und ich fortan meine k&#252;rzesten Texte als komischer Liedermacher vortragen durfte. Rasant wurde ich zum Geheimtipp, weil ich so freche Songtexte hatte und so rein gar nicht singen konnte. Darauf stehen die Leute, wenn jemand etwas mit vollster &#220;berzeugung au&#223;erordentlich schlecht macht. Meine bekanntesten Songs schimpfen sich \u201eUnruhen in Wanne-Eickel\u201c und \u201eNat&#252;rlich habe ich Deine Mutti flach gelegt\u201c. Sie wurden unz&#228;hlige Male bei YouTube und so geteilt. Als meine erste Fanpage ins Laufen kam, sa&#223; ich stundenlang vor dem Spiegel und &#252;bte Selfies.<\/p>\n<p>Der Hype endete mit dem dritten Album. Die Kritiker hatten sich an mir satt geh&#246;rt und auch meine Auftritte im Fernsehen wurden weniger. Zuletzt stellte man mir sogar Neulinge zur Seite, die ich als alter Hase f&#246;rdern sollte. Dabei kam ich mir gar nicht so vor. Das Getuschel um meine Person machte mich nerv&#246;s, drum versuchte ich mich an neuen Konzepten. Ich trat mit Per&#252;cke auf und machte einen auf Prolet. Beflecktes Unterhemd, Bierkanne in der Hand und immer sch&#246;n frauenfeindlich. Mein gro&#223;es Comeback! Damit f&#252;llte ich sogar die gr&#246;&#223;ten Hallen Deutschlands. Doch leider wollten mich die &#246;ffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nicht mehr, drum wechselte ich zu den Privaten. Dort verk&#246;rperte ich auch andere Rollen, wie zum Beispiel einen T&#252;rsteher, der mit blonder Per&#252;cke und rosa Jogginganzug in einer D&#246;nerbude arbeitet. Die Masse liebte mich und ich machte Werbung f&#252;r mein liebstes Wassereis. Bis ich fett wurde.<\/p>\n<p>Meine Geschichte als unf&#246;rmiger Satiriker erlebte seinen H&#246;hepunkt, als ich meinen Traum verwirklichte und ein eigenes Magazin auf den Markt bringen konnte. Ein satirisches Blatt voller Gemeinheiten und zynischer Bemerkungen &#252;ber den Alltag meines Publikums. Ohne meinen Namen auf dem Cover w&#228;re das wohl eine Eintagsfliege geworden, doch die Auflage &#252;berzeugte. Meine Texte wurden wieder etwas bissiger. Vielleicht war ich erleichtert, endlich diese bescheuerten Kost&#252;me los zu sein. Es zahlte sich aus: beim Reisen mit den &#246;ffentlichen Verkehrsmittel sehe ich Leute mit meinem Heft in der Hand \u2013 und sie schmunzeln. Selbst die vielen Hater und Trolle auf den Internetseiten konnten mir meinen gr&#246;&#223;ten Coup nicht vermiesen. Sogar meine ersten drei Alben wurden wieder aufgelegt. Man bot mir eine eigene Talkshow bei ZDF Neo an. Wenig sp&#228;ter einen eigenen Tatort. Doch daf&#252;r musste ich zun&#228;chst wieder einige Kilos abnehmen. 20 Kilo leichter wurde ich der Kommissar von Wanne-Eickel und ging kurz danach wieder auf Tour.<\/p>\n<p>W&#228;hrend der Tournee hatte ich den Einfall, zur&#252;ck zu meinen Wurzeln zur&#252;ckzukehren. Ich wollte mal wieder bei einem Poetry Slam auf der B&#252;hne stehen. Meine Person war ein glatter Selbstl&#228;ufer. Statt &#252;ber meine verkorkste Jugend und meine ersten Erfahrungen mit Frauen zu berichten, konnte ich nahezu alles M&#246;gliche sagen. Einfach den Mund aufmachen! Die Leute klatschten und jubelten aus Gewohnheit, weil ich f&#252;r sie Humor verk&#246;rpere. Eine Witzfigur. Der Gedanke stimmte mich traurig, doch musste mir diese Wahrheit eingestehen: Humor hat nichts Tiefgr&#252;ndiges an sich. Es ist vielmehr eine stete &#220;bertreibung des Bekannten. Mein finales St&#252;ck an dem Abend war der Song, in dem ich irgendeine Mutter verf&#252;hre. Als ich sagte \u201e&#8230; und nun ein Song f&#252;r alle Milfs!\u201c, lagen die Leute vor Lachen am Boden.<\/p>\n<p>Still und heimlich habe ich im vergangenem Jahr ein Lyrikband ver&#246;ffentlicht. Ein kleiner Verlag lie&#223; sich darauf ein, mich unter Pseudonym zu vertreiben. In diesen Texten schrieb ich &#252;ber Dinge, die Satiriker nicht besch&#228;ftigen d&#252;rfen, da sie sonst aussortiert werden. &#220;ber das Gleiten der schweren Wolken &#252;ber meinem Haupt. Der Hauch von Furcht in den Gesichtern der Menschen. Aber kein Wort &#252;ber den Geruch meiner Oma.<br \/>\nBald ist mein 15. Fall in Sachen \u201eTatort\u201c abgedreht und ich habe noch allerhand Auftr&#228;ge, die sich auf meinem Schreibtisch stapeln. Meinen alten rosafarbenen Jogginganzug versteigerte ich bei eBay. N&#228;chstes Jahr bin ich 10 Jahre mit meiner Frau, der damaligen Assistentin vom WDR, zusammen. Die n&#228;chste Tournee ist geplant und ich ver&#246;ffentlichte in den letzten Jahren drei urkomische Ratgeber f&#252;r Stalker, Selfie-Freunde und Slammer. Es gibt viel zu tun im harten Gesch&#228;ft des Humoristen. Alles nach Plan, alles bekannt. Das Leben eines Satirikers ist witzlos. Lachen sollen sie trotzdem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lachen sollen sie. Nicht &#252;ber mich, sondern &#252;ber meine Texte. Drum trug ich etliche Texte auf Poetry Slams vor. Meist ging es um Frauen und meine Jugend. Meine Erlebnisse zu der Zeit waren so l&#228;cherlich, dass Lachkr&#228;mpfe garantiert waren. 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