{"id":691,"date":"2014-07-16T14:54:58","date_gmt":"2014-07-16T12:54:58","guid":{"rendered":"https:\/\/fremdlesen.de\/?p=691"},"modified":"2014-07-16T14:54:58","modified_gmt":"2014-07-16T12:54:58","slug":"herzstechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fremdlesen.de\/?p=691","title":{"rendered":"Herzstechen"},"content":{"rendered":"<p>Ich z&#228;hle die Stacheln meines Igels. Es ist gewiss mein f&#252;nfter Versuch und ich schaffe es bis 43. Der &#252;berdrehte Racker macht mir stets einen Strich durch die Rechnung. \u201eNun halt doch mal still, verdammt\u201c, sage ich und sch&#252;ttele leicht den Karton, in dem der Igel auf und ab geht. Dieser ignoriert mich gekonnt und kratzt stattdessen in einer Ecke herum. Ich starte direkt einen erneuten Versuch: Eins, zwei, drei, vier, f&#252;nf, wo war ich?<\/p>\n<p>Neben mir sitzt ein &#228;lterer Mann mit einem Dackel zwischen den Kn&#246;cheln. Beide mustern mich mit einem &#228;hnlich m&#252;dem Gesichtsausdruck, wobei ich mir einen Dackelblick bisher anders vorgestellte. Ohnehin habe ich den Eindruck, dass alle Augen im Wartezimmer der Tierarztpraxis auf meinen Karton und mich gerichtet seien. Herrchenaugen, Frauchenaugen, Hundeaugen, Katzenaugen, Reptilienaugen, Nageraugen und vielleicht sogar H&#252;hneraugen. F&#252;r einen kurzen Moment &#252;berlege ich, meinen stachligen Begleiter und mich vorzustellen, doch ich beschlie&#223;e einfach zu warten, bis ich aufgerufen werde.<!--more--><\/p>\n<p>Seit ein paar Wochen besuche ich regelm&#228;&#223;ig diese Tierarztpraxis, die mit einem neuartigen Konzept aufwartet. Im Gegensatz zu den &#252;blichen Tier&#228;rzten handelt es sich hier um eine wortw&#246;rtliche Gemeinschaftspraxis, in der nicht nur die kranken Vierbeiner versorgt werden, sondern auch deren Besitzer. Das bedeutet nat&#252;rlich nicht, dass man sich als ewiger Futternapfuff&#252;ller und Streichelautomat bei Lebensm&#252;digkeit kosteng&#252;nstig einschl&#228;fern lassen kann. Viel mehr geht hier um Phobien und Allergien, wie beispielsweise panische Angst vor Spinnen oder eine Abneigung gegen Katzenhaare. Das Konzept scheint erfolgreich zu sein, denn das Wartezimmer ist proppevoll. Gegen&#252;ber sitzt ein junges Emom&#228;dchen mit einem Kaninchen auf dem Scho&#223;. Beide tragen ein Nietenhalsband. Meiner Meinung nach leidet sie an einer Sozialphobie, w&#228;hrend dem Schlappohr eine Identit&#228;tskrise zu schaffen macht. Schr&#228;g von mir ein Ehepaar, die einen dieser Minihunde dabei haben; ein Chihuahua, den man locker in der Handtasche tragen kann. Ob die beiden um das Sorgerecht streiten? Wobei dem Kleinen wohl eher Minderwertigkeitskomplexe und eine Klaustrophobie zu schaffen machen.<\/p>\n<p>Der Igel und meine Wenigkeit sind &#252;brigens aus anderen Gr&#252;nden Patienten. Herzschmerz plagt mich. Klassischer Liebeskummer mit bekannten Folgeerscheinungen wie Schlaflosigkeit, Realit&#228;tsverlust und Verfolgungswahn. Letzteres weicht von der sonst gebr&#228;uchlichen Wortbedeutung ab, denn ich bin in der Verfolgerrolle und leicht vom Wahn befallen. Objekt meiner Begierde ist Rosalie, eine Tierarzthelferin, die nicht nur hier arbeitet, sondern mich fast noch gemeiner ignoriert als mein Igel. Den habe ich gestern Abend als meinen Komplizen auserkoren und mir einfach eine Magenverstimmung f&#252;r ihn ausgedacht. So wird Rosalie gewiss auf mich aufmerksam. Ihr gro&#223;es Herz f&#252;r Tiere wird einen Platz f&#252;r mich frei machen und wir werden uns in liebestollen N&#228;chte Kose- und Tiernamen geben.<\/p>\n<p>\u201eHerr \u2026 Ach, sie sind es. Kommen sie bitte durch?\u201c Rosalie steckt ihren bezaubernden Lockenkopf durch den T&#252;rspalt und ruft mich auf. Sie hat mich wieder erkannt! Vergesst Geld, Autos oder Schokolade. Mit Igeln kriegt man die M&#228;dels herum.<\/p>\n<p>Wenige Sekunden sp&#228;ter finde ich mich im Behandlungszimmer wieder. Den Karton stelle ich ab und merke, wie mir vor Nervosit&#228;t ganz schwindelig wird. Der Arzt l&#228;sst auf sich warten und ich bin alleine mit der Mutter meiner noch ungeborenen Kinder. Leider hat sie nur Augen f&#252;r den Igel.<\/p>\n<p>\u201eOh, der ist aber s&#252;&#223;. Sieht auch ganz munter aus.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist Ingo. Er ist todkrank.\u201c<br \/>\n\u201eEigentlich wirkt er topfit?\u201c<br \/>\n\u201eIch musste ihn beinahe wiederbeleben!\u201c<br \/>\n\u201eWiederbeleben? Den Igel?\u201c<br \/>\n\u201eIch fand ihn am Stra&#223;enrand. Er steckte in einem Milchshakebecher fest. Seine Gier hatte ihn wohl in diese missliche Lage gebracht. Drum befreite ich ihn aus diesem Debakel und drehte ihn auf den R&#252;cken, um per Herzmassage auszuhelfen.\u201c<\/p>\n<p>Rosalie schaut mich an, als h&#228;tte ich gerade einen One-Night-Stand mit dem Igel gebeichtet. Um mich nicht komplett zu blamieren, wende ich mich dem Karton zu und greife nach Ingo.<br \/>\n\u201eSchauen Sie, ich hole ihn mal raus!\u201c<br \/>\nIch greife hastig in den Karton, doch erwische nur die Stacheln des Igels. Voll erwischt zucke ich zusammen und kreische leicht hysterisch auf. Rosalie schaut mich verdutzt an, w&#228;hrend mir z&#252;gig schwarz vor Augen wird. Im n&#228;chsten Moment falle ich zu Boden. Ausgeknockt von Ingo in der ersten Runde.<\/p>\n<p>\u201eHallo? Hallo? Sind sie wach?\u201c<br \/>\nRosalie und der Tierarzt hocken &#252;ber mir. Der Doktor leuchtet mir mit einer kleinen Lampe direkt ins Auge.<br \/>\n\u201eIch will noch nicht aufstehen, Mutter &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eSie sind pl&#246;tzlich zusammen gebrochen. Waren bestimmt f&#252;nf Minuten bewusstlos\u201c, redet der Arzt auf mich ein, ohne mit dem Leuchten aufzuh&#246;ren. \u201eK&#246;nnen sie aufstehen?\u201c<br \/>\nWenige Sekunden sp&#228;ter bin ich wieder auf den Beinen. Rosalie scheint besorgt, denn sie legt ihre Stirn in Falten. Eindeutig eine Dackelfalte.<\/p>\n<p>\u201eVerzeihen sie diesen Vorfall. Ich leide an Aichmophobie. Angst vor spitzen Objekten.\u201c<br \/>\n\u201eAber gilt das nicht eigentlich f&#252;r Spritzen?\u201c fragt der Doktor kritisch.<br \/>\n\u201eBei mir ist es etwas ausgepr&#228;gter. Manchmal bricht bei mir Panik aus, wenn ich z.B. einen Kaktus sehe.\u201c<br \/>\n\u201eSind sie deshalb hier?\u201c<br \/>\n\u201eExakt! Und nat&#252;rlich wegen Ingo, den ich trotz meiner Todesangst vor seinen Stacheln einfach retten musste.\u201c<br \/>\n\u201eAch, dem geht es aber gut. Den habe ich bereits w&#228;hrend ihrer kurzen Auszeit untersucht. Er ist putzmunter. Bei Ihnen allerdings &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eWas? Das ist ja gro&#223;artig! Ingo ist gesund. Ein Grund zum feiern.\u201c<br \/>\n\u201eSie haben ein ausgepr&#228;gtes Helfersyndrom. Letzte Woche das Eichh&#246;rnchen mit der Pers&#246;nlichkeitsspaltung. Davor der Goldfisch, der Angst vor Wasser hatte. Sie sind ein wahrer Tierfreund und sichern mir die Rente.\u201c<br \/>\n\u201eMan tut, was man kann.\u201c sage ich lachend und versuche, Blickkontakt zu Rosalie aufzubauen. Doch die besch&#228;ftigt sich lieber mit Ingo. Ob ich nun sagen sollte, dass ich an Venustraphobie leide? Angst vor sch&#246;nen Frauen? Und ein Rendezvous mit ihr mir dies nehmen k&#246;nnte?<\/p>\n<p>Nein, ich habe da eine bessere Idee.<br \/>\nZwei Wochen sp&#228;ter sitze ich erneut im Wartezimmer der Tierarztpraxis. Begleitet werde ich von Pucky, inem Graupapagei, den ich mir von meiner Tante lieh. Heute leide ich angeblich an Ornithophobie, die Angst vor V&#246;geln. Doch in einem fiktiven Testament einer nicht wirklich verstorbenen Verwandten steht vermerkt, dass ich mich um diesen Papagei mit Herz und Seele k&#252;mmern soll. Dieser hat &#252;brigens dank meiner Hilfe ein neues Wort einstudiert: Rosa. Sollte selbst das nicht helfen, werde ich Rosalie einfach um einen Hausbesuch in meinen Privatzoo bitten. Dort warten schlie&#223;lich ein Eichh&#246;rnchen, ein Goldfisch und Ingo auf sie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich z&#228;hle die Stacheln meines Igels. Es ist gewiss mein f&#252;nfter Versuch und ich schaffe es bis 43. Der &#252;berdrehte Racker macht mir stets einen Strich durch die Rechnung. \u201eNun halt doch mal still, verdammt\u201c, sage ich und sch&#252;ttele leicht den Karton, in dem der Igel auf und ab geht. 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