{"id":664,"date":"2014-06-14T19:05:14","date_gmt":"2014-06-14T17:05:14","guid":{"rendered":"https:\/\/fremdlesen.de\/?p=664"},"modified":"2014-07-14T14:06:14","modified_gmt":"2014-07-14T12:06:14","slug":"das-handy-du-opfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fremdlesen.de\/?p=664","title":{"rendered":"Das Handy, du Opfer!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Smartphones, Facebook, Twitter, Skype und Co, wozu brauchen wir das &#252;berhaupt? Um es frei nach Freud zu formulieren: Nat&#252;rlich ist es besser, eine Beleidigung mit viel r&#228;umlicher Distanz per WhatsApp rauszudr&#252;cken, als mit einer Streitaxt auf jemanden loszugehen. So gesehen ist das Handy eine beachtliche Kulturleistung, die uns den allt&#228;glichen Umgang mit unseren Mitmenschen enorm vereinfachen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch machen wir vorab einen kleinen Ausflug ins finstere Mittelalter, als es noch keine Handys gab, beziehungsweise die Mobiltelefone noch sperrige Funkger&#228;te waren, die nur einer erlauchten Elite von Aristokraten und Wirtschaftsbossen vorbehalten blieben, die diese Apparaturen aufgrund der schieren Gr&#246;&#223;e in ihre Automobile einbauen lie&#223;en. Der gemeine P&#246;bel indes tr&#228;umte davon der Statussymbole dieser Oberschichtler habhaft zu werden, einen schicken Sportwagen zu besitzen und in diesem eines jener Funktelefone zu haben, das heute jeder dahergelaufene Dorftrottel im Miniaturformat in der Westentasche mit sich herumtr&#228;gt. Dass diese Tr&#228;ume meist durch das Fernsehen induziert wurden und die meisten Handys heute smarter sind als ihre Besitzer, ist eine Folge der Phantasielosigkeit und Tr&#228;gheit der Masse an sich  \u2013  soll uns an dieser Stelle jedoch nicht st&#246;ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was taten die Leute damals in ihrer Freizeit, so ganz ohne die moderne Errungenschaft der drahtlosen Telekommunikation? Eigentlich das gleiche wie heute: Sie vegetierten vor sich hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erinnere mich noch haargenau an die Jugendlichen auf dem Schulhof.  Einige Kinder tollten herum und rannten einem Ball hinterher. Eine Gruppe von Halbstarken verschwand heimlich in den Geb&#252;schen um zu rauchen. Die meisten M&#228;dchen steckten die K&#246;pfe zusammen, tauschten Glanzbilder oder Sticker und gackerten, wenn <!--more-->ein Junge vorbei kam. Und dann gab es jene \u2013  vorwiegend junge M&#228;nner  \u2013  die schweigend im Halbkreis zusammen herumstanden. Irgendwer fing dann pl&#246;tzlich an auf dem Boden zu rotzen. Nach einer Weile taten die anderen es ihm gleich. Das Resultat solcher Spuckgruppen war unverkennbar: Wenn man &#252;ber den Schulhof schlenderte, sah man h&#228;ufig ekelerregende Anh&#228;ufungen von Spucke und Schnodder, die in kleinen Kl&#252;mpchen auf dem Boden herumglibberten und darauf warteten, vom Regen weggesp&#252;lt oder in der Sonne zu einer glitzernden Kruste zusammengebacken zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verlassen wir nun diesen wenig erquicklichen Ausflug in fr&#252;here Tage und wenden uns sch&#246;neren Themen zu. Der Mensch braucht schlie&#223;lich eine anregende Umwelt. Dadurch bekommt er eine dichtere Hirnrinde. Das wurde zumindest in Versuchen mit Ratten nachgewiesen, doch ich bezweifle nicht, dass es auch auf den Menschen &#252;bertragbar ist. Wiewohl ich zugeben muss, dass f&#252;r den Menschen sicherlich nicht zwangsl&#228;ufig ein Laufrad oder gar ein Labyrinth angeschafft werden muss, sondern auch ein bewegendes Buch oder ein angenehmer Gespr&#228;chspartner sehr gute Dienste leisten kann. Wichtig ist lediglich, dass uns diese Umwelt anregt. Vielfach wird davor gewarnt, dass das Fernsehen oder die exzessive Nutzung von Computerspielen einer Steigerung des Intellekts abtr&#228;glich sei. Es gibt zwar durchaus herausfordernde Sendungen und knifflige Rechenspiele, wer jedoch regelm&#228;&#223;ig ein Mobile bastelt und einem kleinen Schwatz mit einem halben dutzend Philosophieprofessoren nicht aus dem Weg geht, wird unl&#228;ngst mehr mit seinem Gehirn anfangen k&#246;nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine kleine Beobachtung, die ich hierzu gemacht habe, m&#246;chte ich an dieser Stelle nicht verschweigen. Wenn der eigene Bekanntenkreis nicht nur aus Intellektuellen besteht, sondern man sich durch verwandtschaftliche Beziehungen oder ungl&#252;ckliche Umst&#228;nde pl&#246;tzlich gen&#246;tigt sieht, mit eher einfachen Gem&#252;tern zu konversieren, dann wird man einen starken Unterschied im Gebrauch der sogenannten Smartphones feststellen. Umso gebildeter der Nutzer, desto mehr Abstand h&#228;lt er zu dem Ger&#228;t, w&#228;hrend der Prolet, dem pawlowschen Hund gleich, dem der Sabber ins Maul steigt sobald er den Essensgong h&#246;rt, um sich dann mit wilder Manier auf die Mahlzeit zu st&#252;rzen,  keine Vorbehalte kennt sogleich jede Unterhaltung abzubrechen, wenn das Ger&#228;usch einer eingehenden Nachricht an sein Ohr dringt. Dass ein realer Gespr&#228;chspartner sich vielleicht gekr&#228;nkt f&#252;hlen k&#246;nnte, derartig geschnitten zu werden, ist dem unreflektierten Handynutzer v&#246;llig fremd. Wie die antiken Kyniker achtet er stets darauf, seine eigenen Bed&#252;rfnisse so schnell wie m&#246;glich zu befriedigen. Seine Umwelt spielt dabei stets eine untergeordnete Rolle. Wie man sich auf einer Party f&#252;hlt, auf der man nur von Leuten umgeben ist, die, anstatt zu tanzen oder miteinander zu plaudern, wie wild auf dem Touchscreen ihres Handys herumtippen oder Fotos von den Spirituosen machen, um sie dann an andere Proletarier zu versenden, darf man sich gerne ausmalen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> Das hat nicht nur Nachteile. Die Schulh&#246;fe sind jetzt wenigstes sauber. Die Spuckgruppen stehen zwar immer noch herum, sie spucken jedoch nicht mehr. Stattdessen h&#228;lt jeder ein Mobiltelefon in der Hand und verschickt still Nachrichten, die keiner h&#246;ren will. Als ich einmal an meinem alten Schulhof vor&#252;berlief, sah pl&#246;tzlich einer der Jungen, die dort herumlungerten, auf. \u201eDas Handy, du Opfer!\u201c, ert&#246;nte es an einen der anderen gewannt. Dann schwiegen wieder alle und machten weiter an ihren Smartphones rum. Dass zu einem richtigen Satz mindestens ein Verb geh&#246;rt, ist wahrscheinlich irgendwann in der fr&#252;hen Neuzeit abgeschafft worden. Dass Maschinen dazu da sind, dem Menschen zu dienen und nicht umgekehrt, wissen wahrscheinlich nur noch einige wenige Nerds. Und &#252;berhaupt, nur weil es technisch m&#246;glich ist, muss ich ja nicht alles umsetzen. Es hackt sich ja auch keiner die Beine ab, weil irgendwann jemand den Rollstuhl erfunden hat. Beim Handykonsum interessiert diese einfache Regel offenbar niemanden. Selbst wenn die Hirnrinde droht aufgrund der ganzen Zweiworts&#228;tze und Smileys irgendwann die Konsistenz aufzuweisen wie ein Doppelzentner Wackelpeter. Die Kanzlerin hat ein neues Blackberry \u2013 ich auch. Brat Pitt und Angelina Jolie benutzen i-Phones \u2013 ich geh&#246;re dazu. Nie waren wir n&#228;her daran so zu sein wie unsere Vorbilder, die Reichen und M&#228;chtigen. Nie waren wir weiter davon entfernt dar&#252;ber nachzudenken, ob wir &#252;berhaupt so sein wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch braucht man sich nicht den Kopf zerbrechen. Stattdessen kann man weiter mit stolz geschwellter Brust wie ein Modell auf dem Laufsteg durchs Leben trippeln und sein tolles Marken-Handy vor sich her tragen. Denn: Auch wenn das Ding mittlerweile kl&#252;ger ist, als die meisten Nutzer: Alleine laufen kann es ja zum Gl&#252;ck noch nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Smartphones, Facebook, Twitter, Skype und Co, wozu brauchen wir das &#252;berhaupt? 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