{"id":374,"date":"2013-06-11T13:44:40","date_gmt":"2013-06-11T11:44:40","guid":{"rendered":"https:\/\/fremdlesen.de\/?p=374"},"modified":"2013-06-12T13:34:20","modified_gmt":"2013-06-12T11:34:20","slug":"robojohn-vs-die-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fremdlesen.de\/?p=374","title":{"rendered":"Robojohn vs. die Zeit"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone\" title=\"Gruselige Dystopie von Oliver Peters\" alt=\"Gruselige Dystopie von Oliver Peters\" src=\"https:\/\/fremdlesen.de\/wp-content\/bilder\/Roboteralarm-Fremdlesen.jpg\" width=\"495\" height=\"346\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei&#223; nicht so recht, wo ich anfangen soll. Bei den etlichen ausgeschnittenen Zeitungsartikeln oder bei dem Fotoalbum mit den unz&#228;hligen Schnappsch&#252;ssen von Menschen in seltsamen Klamotten. Vielleicht auch die zahlreichen Magazine, wo l&#228;ngst verstorbene Politiker die Titelbl&#228;tter zieren oder die Schallplatten mit Liedern, die wie aus einer anderen Welt scheinen. Worum es sich dabei genau handelt, konnten wir manchmal nur anhand des Beipackzettels erahnen, welcher dieser Zeitkapsel beilag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser Vater verstarb vor zwei Wochen. Als wir das Erbe antraten, wussten wir gar nichts von dieser Zeitkapsel. Wir, das sind meine Geschwister und ich. Unsere Mutter verstarb schon lange vor unserem Vater. Und der hatte dieses Zeitdokument verschwiegen. Bis heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fotoalbum war zu knapp zwei Dritteln mit Familienbildern gef&#252;llt. Angefangen bei unserem Ur-Ur-Opa zeigen die letzten Bilder unsere Eltern, als sie noch in unserem Alter waren. Da hatte unser Vater noch Haare. Verr&#252;ckte Zeiten.<br \/>\nWir fanden auch einige Liebesbriefe, die unser Opa an unsere Oma schrieb. Wer h&#228;tte gedacht, dass der so romantische Zeilen zu Papier bringen kann. Unsere Erinnerungen zeigen ihn eher als verschlossenen Typen, der lieber im Hobbykeller werkelte, als mit unserer Oma zu turteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wir tauchten hier und da schon auf. Auf Fotos, wo wir in W&#228;schek&#246;rben gebadet wurden oder alte Zeichnungen und Schriftst&#252;cke von uns, wie z.B. unsere ersten Briefe. Manchmal dachten wir, das alles sei irgendwie mit der Zeit versch&#252;tt gegangen. Dabei bewahrten unsere Eltern es stillschweigend auf, selbst peinlichste Dokumente wie \u201eAles Guhte zum Muttathag\u201c-Karten. Aber zugegeben \u2026 wir mussten auch schmunzeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So viele Erinnerungen auf einem Haufen, in einer Kiste. Nun waren wir gefordert. Was wollen wir f&#252;r unseren Nachwuchs aufbewahren, damit sie unsere Geschichte weitertragen?<!--more--><br \/>\nEhrlich gesagt \u2026 Wir verzweifelten dabei ein wenig. Das Problem unserer Tage ist diese schiere Schnelllebigkeit, eine Welt mit stets verfallenden Haltbarkeitsdatum. Was heute noch pr&#228;sent ist, kann morgen schon abgehakt sein.<br \/>\nMusik, B&#252;cher, Fotos, Filme, Zeitschriften, Audiodokumente. Alles auf Datentr&#228;gern mit begrenzter Lebensdauer. Und selbst wenn die Datentr&#228;ger ewig halten w&#252;rden. Was f&#252;r Songs sollen wir nehmen? Porno-Rap aus Berlin? Floskel-Rock aus Aachen? Pille-Palle-Pop von Dieter Bohlen? Oder welche Filme? Ich m&#246;chte meinen Kindern nicht gestehen m&#252;ssen, dass in unseren Tagen Filme geliebt wurden, die wie Wortkonstruktionen eines Kindergartenkindes klingen. Auch B&#252;cher, wo junge Frauen sich Avocadokerne rein schieben. Das muss alles nicht sein. Genau so wenig wie Meldungen &#252;ber abschreibende Politiker, Piraten oder Griechenland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es blieb in der Familie. Wir trugen einiges zusammen. Nat&#252;rlich lauter Familienfotos, bei denen wir darauf Wert legten, dass wir weder Instagramfilter verwendeten, noch dass sie \u201egeshopped\u201c sind. Ein paar Erinnerungsst&#252;cke wie z.B. Zeitungsartikel, wo wir unsere Warhol&#8217;schen 15 Minuten Ruhm hatten und Gru&#223;karten ohne Schreibfehler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich packte noch eine Zeichnung dazu, die mein Vater nie in die Finger bekam. Sie zeigt einen gro&#223;en Roboter namens \u201eRobojohn\u201c, der Waffen statt H&#228;nde hat. Robojohn zerst&#246;rt in dieser eher grob gezeichneten Szenerie (ich war jung und brauchte Ventile) eine beliebige Gro&#223;stadt. Als ich noch ein kleiner Junge war, gefiel mir diese Vorstellung. Und wenn man genau dr&#252;ber nachdenkt, ist es auch genauso gekommen.<br \/>\nDie Zeitkapsel liegt nun bei meinem Bruder unter Verschluss. Er hat einfach die besseren Versteckm&#246;glichkeiten in seinen vier W&#228;nden. Dort wartet sie nun. Auf mehr Input und bessere Zeiten.<\/p>\n<p><!-- Von Jason und mir. EVIL :( --><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei&#223; nicht so recht, wo ich anfangen soll. Bei den etlichen ausgeschnittenen Zeitungsartikeln oder bei dem Fotoalbum mit den unz&#228;hligen Schnappsch&#252;ssen von Menschen in seltsamen Klamotten. Vielleicht auch die zahlreichen Magazine, wo l&#228;ngst verstorbene Politiker die Titelbl&#228;tter zieren oder die Schallplatten mit Liedern, die wie aus einer anderen Welt scheinen. 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